Die Anfahrt gestaltete sich weitgehend ohne größere Probleme… als den Gepäcktransport. Am Schwierigsten daran, mit riesigem Koffer und Trekkingrucksack zu verreisen, war es, den Koffer im Eurostar in der Gepäckablage unterzubekommen.
Der Eurostar an und für sich bietet ein recht surreales Fahrerlebnis. Selbst wenn man von der Tatsache, dass man in einen Zug steigt und mal eben unter dem Meeresboden durchfährt, bloß, um nach England zu gelangen, beginnt das Abenteuer schon beim Einchecken. Es ist mit einer Eincheckzeit von mindestens 30 Minuten zu rechnen. Das in Kombination mit der Gepäck-Röntgenanlage, den Größen- und Anzahlbeschränkungen für Koffer, der Tatsache, dass man keine Messer mit an Bord nehmen darf und dem Boarding-Ritual deuten darauf hin, dass der Eurostar ein Zug ist, der sich einbildet, ein Flugzeug zu sein. Als ich in den Zug stieg, hätte es mich nicht mehr besonders gewundert, wenn der Wagen plötzlich abgehoben hätte und ich eine Druckänderung in den Ohren gespürt hätte.
Ein paar Minuten später fuhr der Zug los und ich spürte eine Druckänderung in den Ohren.
Der Campus der Universität Nottingham ist wunderschön. Es gibt zwei Seen (von denen einer den kreativen Namen “The Lake” trägt) und ein imposantes Hauptgebäude, in dessen Genuss sämtliche Studenten kommen, denn abgesehen von wenigen Seminarräumen sind dort ausschließlich die (riesige!) Studierendenvertretung (“Students Union”) inklusive des von ihr betriebenen Shops, etliche Speisemöglichkeiten, ein Friseur, zwei Banken und vieles mehr vertreten. Das “Mathematics and Physics Building” ist, wie gehabt, ein bemerkenswert unbemerkenswertes Betonbauwerk, doch dies ist erstens nicht neu und wird zweitens gerade durch den Bau eines neuen Mathematikgebäudes, das mehrere Millionen kostet und im Herbst 2011 (pünktlich zu dem Semester, ab dem ich nicht mehr hier bin) fertig wird, wiedergutgemacht.
In akademischer Hinsicht ist es für mich prima. Hierbei muss ich dazusagen, dass drei von den vier Vorlesungen, die ich hören will, eigentlich für das Masterstudium gedacht sind (die da wären: Algebraic Geometry, Differential Geometry und Quadratic Forms and Central Simple Algebras, letztere davon nur so zum Spaß und zu dem Preis, im 7. Semester in München Statistische Physik und Computergestützte Mathematik und Numerik belegen zu müssen) und abstrakte Mathematik im Allgemeinen und Algebra im Besonderen hier nicht allzu beliebt zu sein scheint: In besagten drei Vorlesungen beträgt die Hörerzahl bisher maximal 6 Leute, in algebraischer Geometrie waren wir sogar schon mal bloß zu dritt.
Wie gut ich darin zurecht komme, weiß ich noch nicht – die Vorlesungen sind, wenn man darin sitzt, noch gut verständlich, aber die Übungsblätter sind durchaus eine Herausforderung. (Es könnte sein, dass die Vorlesungen genau das richtige Niveau haben, und Mathematik ab dem Punkt, ab dem man die grundlegenden Definitionen derjenigen Konstruktionen, über die geredet wird, schon kennt und die Vorlesungen daher von Objekten handeln, mit denen man schon mal vage gearbeitet hat, aber Zusammenhänge und Sätze enthalten, die man noch nie gesehen hat, einfach noch mal deutlich mehr Spaß macht, weil die Schwierigkeiten anderer Natur sind. Was die Vorlesungen deutlich verständlicher, die Übungsblätter aber nicht unbedingt leichter werden lässt.) Das Betreuungsverhältnis ist jedenfalls paradiesisch und da man als Ausländer ohnehin einen Haufen dummer Fragen zu stellen gezwungen ist, macht es nichts, einen Teil davon in den Vorlesungen loszuwerden.
Tutorien gibt es in den Graduate-Vorlesungen nicht, aber die meisten Dozenten schieben ab und an eine Besprechung der Aufgaben ein und stellen Lösungen zu dem Rest online, und die Vorlesungen sind dreistündig und beginnen s.t. (und dauern, je nach Enthusiasmus des Dozenten, zwischen 45 und 60 Minuten), sodass man den Großteil der Arbeit selbst verrichtet (“Bitte lest bis zum nächsten Mal folgende Seiten im Skript” – Handouts oder Online-Skripte/Folien gibt es immer!), was den Luxus, aber auch die Notwendigkeit mit sich bringt, sich seinen Zeitplan selber erstellen zu können/müssen. In den Fächern, die ich belege (mit Ausnahme von Quantenmechanik, was noch eine 2nd-year-Vorlesung ist), tragen die Übungsblätter nicht zur Note bei, aber ganz ehrlich: Wenn der Dozent jeden der n<7 Zuhörer vom Sehen kennt, ist es auch irgendwie unangenehm, sie nicht zu machen.