Caving in den Mendips, Tag 2

Wir standen auf, duschten nicht (in wenigen Stunden würden wir ohnehin allesamt nach Höhle riechen) und begaben uns um punkt neun Uhr in den Gemeinschaftsraum, wo der Vorstand der Caving Soc ein englisches Frühstück für uns vorbereitet hatte – mit Baked Beans, Bacon, Rührei, Würstchen, gebratenem Brot (“French Toast”) und Pilzen und, natürlich, Tee. Mir misslingt es dabei mal wieder zu verstehen, wieso sämtliche Menschen auf dem Kontinent englisches Essen so sehr verfluchen, während ich umso mehr nachvollziehen kann, warum Vegetarier das tun.

Wir fuhren zu einem Parkplatz in der Nähe der Höhlen, die wir uns vorgenommen hatten, zwängten uns in unsere Anzüge und ließen uns von Becca (der Vorsitzenden) in Gruppen zu jeweils 4-5 Leuten einteilen, von denen jede von einem lokalen Leader übernommen wurde. Meine Gruppe bestand aus drei Caving-erfahrenen Jungs und meiner Wenigkeit, welche bekannterweise nicht gerade über grenzenlose Fitness prahlen kann. Mit einem Wort, welches man in diesem Zusammenhang als ein solches gelten lassen möge: Uff.

Die erste Höhle, die für unsere Gruppe auf dem Programm stand, war Pierre’s Pot. An deren Eingang Ausgang Öffnung angekommen der erste Schock: Es geht beinahe vertikal herunter. Irgendeine andere Gruppe hat eine Strickleiter hängen lassen, welche wir für den Abstieg nutzen. “Hat jemand von euch noch keine Caving-Erfahrung? Okay, dann gehst du direkt hinter mir.” Mit zitternden Knien steige ich die Strickleiter hinab – immerhin kann nichts schiefgehen, ich kann nicht abrutschen sondern muss nur meine Gliedmaßen in der richtigen Reihenfolge nach unten verlagern aber ach herrje das ist höllisch tief und ich kann doch nicht einfach da runter. (Ich wusste in dem Augenblick auch nicht, wie ich mir den Anfang vorgestellt hatte – vermutlich mit etwas weniger senkrechten Abstiegen, etwas mehr Sicherungsseilen und irgendwelchen vorbereitenden Übungen und nicht als “Hier ist das Loch, bitteschön!”. Andererseits: Nun ja, das Loch war ja da – und man kann ziemlich schlecht üben, in eine Höhle zu klettern, ohne in eine Höhle zu klettern.)
Nach gefühlten dreißig Minuten komme ich fünf Meter tiefer an und es geht weiter. Es geht tiefer und tiefer und – ich komme da doch niemals wieder hoch, oder?
Nach einigen Minuten haben sich unsere Augen an das Licht gewöhnt und wir bewegen uns vorwärts. “Caving” wird in der Wikipedia als “Höhlenwandern” übersetzt, aber dieser Begriff ist trügerisch. In den Mendips-Höhlen gibt der innere Schweinehund jedes Mal, wenn man auch nur eine Minute lang einfach so vorwärts laufen kann, einen zufriedenen und ungläubigen Kläffer von sich. Üblichere Fortbewegungsarten sind Kriechen, Klettern, Krabbeln, Hochziehen, sich durch Felsspalten zwängen oder sich an den Wänden entlangdrücken.
Als wir (ungefähr zwei Stunden später) die Höhle wieder verlassen wollen, müssen wir entweder einen Weg nehmen, wo man über ein großes Loch durch eine Felsspalte mit ziemlich weit auseinanderliegenden Wänden klettern muss (Schultern einhaken geht da nicht mehr, man muss die Arme in die eine Wand und die Füße in die andere Wand pressen und im rechten Winkel zur Erdanziehungskraft auf die andere Seite spazieren), was ich in dem Augenblick wirklich als Allerletztes auf der Welt tun will, oder durch unseren Eingang wieder heraus. Am Eingang angekommen, stellen wir fest, dass die Leiter weg ist. Unser Leader lässt mich an einer Lifeline den Eingang hochklettern (d.h. mit Seil um mich herum, welches mich auffängt, falls ich falle), was dank einiger Fingerzeige auf Haltepunkte auch halbwegs funktioniert, und wir sind draußen. Hach, Sonnenlicht! Sauerstoff!

Die zweite Höhle heißt Goatchurch Cave und enthält mehr Kriechpassagen und Hindurchzwängpartien als die erste. In der Tat kann man nicht nur den Abstieg in eine Höhle, sondern auch die Fortbewegung innerhalb selbiger sehr schlecht außerhalb einer Höhle proben. Obwohl das Gestein feucht ist, ist es meist nicht glitschig, denn in solcher Tiefe und ohne Sonneneinstrahlung wachsen keine Algen daran, außer an den schon sehr abgenutzten Stellen des Weges, welche von den Hintern und Knien von Generationen früherer Cavers glattpoliert worden sind. Wenn man auf seinem Weg durch eine tiefe, enge Felsspalte hindurch will, ist es eigentlich egal, wie tief sie sich unter den eigenen Füßen noch erstreckt, denn wenn man sich mit Ellbogen und Knien in die Wände keilt und diese nacheinander verschiebt, bewegt man sich keinen Zentimeter in Richtungen, in die man nicht will. Man kann prima in einer beliebig geneigten Ebene rumhängen, wenn man das zwischen zwei eng aneinander liegenden Felsteilen tut. Das kostet nicht viel Kraft (Haftreibung sei Dank) und ist sicher (man bewegt sich keinen Zentimeter, wenn man nicht will, und somit auch nicht in Richtungen, in die man nicht will, insbesondere nicht nach unten), widerspricht jeglicher Intuition aus dem Alltag und bietet Lösungen zu vielen “Wie zur Hölle soll ich denn DA runter/hoch/entlang?!”-Momenten.
In dieser Höhle hakt es bei mir bei einem der Abstiege in den mittleren Ebenen, als wir die Wahl zwischen einer eher kletterlastigen, da steilen Partie, einem steilen Tunnel, den man (sich an den Wänden abbremsend) entlangrutschen muss, und einer senkrechten Felsspalte haben. (Wie zur Hölle soll ich da runter?!) Wir einigen uns auf Lifeline und den Tunnel. Hätte auch ohne Sicherung funktioniert, aber das merke ich erst, als ich sehe, wie gut man mit Armen und Beinen bremsen kann. Dafür bin ich beim Aufstieg umso dankbarer für die Lifeline.
Immerhin schaffe ich es diesmal ohne Lifeline aus der Höhle selbst heraus, aber es gab ja auch ein Seil zum Festhalten. Sonnenlicht, zum Glück.

Dritte Höhle. Sidcot Swallet. Während wir vor dem Eingang warten, erscheint eine andere Gruppe der NU Cavers nach und nach an der Oberfläche. Ich erfahre von riesigen Spinnen, die in der Höhle leben, und habe somit schon Angst vor der Höhle, bevor ich auch nur hineinschaue.
Der Abwärtsweg sieht nicht vollkommen unmöglich aus, und es geht auf dem Hintern herunter. Wir bahnen uns den Weg zum “Lobster Pot”, einem engen, senkrechten Tunnel, der in einen engen Gang irgendwohin führt, wo es nasser ist. Unser Leader möchte nicht mit hinunter, weil es ihm zu eng ist, und ich möchte nicht mit hinunter, weil es mir für den Tag reicht (hinterher erfahre ich auch, dass sämtliche anderen Gruppen nur zwei Höhlen besucht haben). Mit Hilfe (“Can you push me a little if I ask you to?”) klettere ich auch aus dieser Höhle heraus (und sehe auf dem Rückweg sogar eine Spinne, die irgendwas isst). Ich lasse mich ins Gras fallen. Sonnenlicht, zum dritten Mal, zum dritten Mal Freiheit.

Duschen ist paradiesisch.

Zum Abendessen gibt es knallrote Spaghetti mit einer Bolognesesauce, die bemerkenswert viele Karotten enthält und nichtsdestotrotz sehr gut schmeckt.
Als abends jemand vorschlägt, in den Pub zu gehen, stimmen alle zu – wir Freshers in Unkenntnis der Tatsache, dass dieser sich eine halbe Stunde Fußweg durch eine unbeleuchtete Straße weg befindet. Was kein Problem ist. Durch Dunkelheit zu laufen wird sich nie wieder genauso anfühlen wie früher.
Im Pub probiere ich Ale (und mag es nicht besonders).
Wieder in der Hütte angekommen, spielen wir Beer Pong. (Dafür braucht man zwanzig Pappbecher. Jeweils 10 davon werden zu einem Dreieck an einem der Enden eines längeren Tisches aufgestellt und mit alkoholischen Getränken gefüllt und jedes der beiden Teams probiert, mit einem Tischtennisball in einen der gegnerischen Becher zu treffen, der im Fall eines Treffers durch eines der Gegner geleert werden muss.) Ich lerne, dass ich zwar nicht so toll im Caving, dafür aber gut im Beer Pong bin. Danach gehen wir über zum Box Game (man hebe eine Papp-Box mit den Zähnen vom Boden auf, ohne seine Hände zu benutzen und ohne mit den Händen den Boden zu berühren; im Laufe der Runden wird die Box immer wieder um einige Zentimeter gestutzt). Joe und ich produzieren ein Unentschieden, da es zu dem Zeitpunkt, zu dem die Box nur noch einen Rand von einem halben Zentimeter aufweist, wirklich niemandem mehr gelingt).

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